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Er öffnet sein Herz und seinen Kühlschrank

Tagesanzeiger 8.11.2007

Von Florian Leu, Tagesanzeiger 8.11.2007
Als Reto Nägelin ein Bub war, donnerte eine Harley an ihm vorbei und funkelte im Licht. Abends lag er im Bett und sagte zu Gott: «Wenn ich je auf einer solchen Maschine umherkurven darf, dann tue ich damit etwas für dich.»
Heute ist Nägelin 33 und fährt eine Harley Davidson Fat Boy, deren Sattel 64,5 Zentimeter über dem Asphalt liegt. Manchmal knattert er damit im Mai zum Motorradgottesdienst, dem Mogoz, auf der Zürichseefähre, den er selbst veranstaltet. Dort trifft er Leute, die an Gott sonst vorbei brausen. Nägelin will nur Anlässe auf die Beine stellen, die er selbst auch besuchen würde.

Der direkte Draht zum Chef
Er lebt in einer Wohngemeinschaft in Rüschlikon, sein Zimmer ist eng. Darin steht ein Fernseher, king size, flat screen. Davor liegt eine Playstation 2. Als sie im Dezember vor sieben Jahren auf den Markt kam, suchte Nägelin in der ganzen Stadt nach einem der begehrten Geräte, die viele schon Wochen vorher bestellt hatten. Der Verkäufer hob die Arme, schüttelte den Kopf. Nägelin hatte den Laden bereits verlassen, als der Verkäufer ihm nachrannte und rief: «Wir haben doch noch eine Konsole!» Als seine Freunde das Gerät sahen, machten sie Augen wie Golfbälle. Nägelin lächelte und sagte: «Die hat mir der Chef persönlich besorgt.»
Reto Nägelin erzählt diese Geschichten mit Schalk. «Ich weiss, dass sie einfältig klingen.» Während er spricht, dreht er sich auf seinem Bürostuhl hin und her, lässt seine Hände da und dort hinschiessen, sein Haar strähnt in sein Gesicht, lässt ihn jugendhaft aussehen. «Man darf ruhig lachen über diese Geschichten – drum erzähl ich sie ja.»

Nägelin arbeitet für den Cevi als Jugenddiakon. Er liess seinen Lohn herabsetzen und sucht dennoch ständig nach Spendern. Sein Büro im Glockenhof an der Sihlstrasse, im Zürcher Hauptgebäude des Cevi, ist winzig und voller Papier, überall stapeln sich Flyer, die seine Projekte vorstellen. Auf einem ist zu lesen: «schicke deine wünsche an gott per sms auf 079 537 82 11 (normaler tarif) und es wird dafür gebetet.» Auf einem anderen Flugblatt steht: «Ein Afterwork-Bluesgottesdienst gegen den Alltags-Blues! Einmal im Quartal, am Donnerstagabend im Herzen von Zürich. Mit Liveband, Referat und anschliessendem Chillout.» Manchmal streitet Nägelin mit Gott, zweifelt, hadert, spricht nicht mehr mit ihm. Manchmal denkt Nägelin, Gott könnte grosszügiger sein, der Cevi unter die Arme greifen. Schliesslich tut er viel für ihn, den grossen Boss.

Ein Profichrist fährt zur Hölle
Neulich etwa gestaltete er einen Gottesdienst in einer Rüschliker Tiefgarage, sorgte für Musik und für farbige Beleuchtung, predigte und sang mit den 50 Jugendlichen, die den Anlass besuchten. Und im Winter will er auf der Skipiste predigen, den Leuten einen Denkanstossmit auf die blaue Piste geben. Und manchmal bringt er das Wort
Gottes auch auf Autobahnraststätten.«Ich gehe überall hin, kenne keine Berührungsängste. Ich bin ein Profichrist, bin einer, der mit seinem Christsein Geld verdient

Und ich bin bereit, zur Hölle zu fahren.» Lang leitete er in Rüschlikon jeden Sonntagabend einen Gottesdienst für junge Erwachsene, doch missionieren wollte er dabei nie. «Die Leute dazu anregen, selbst zu denken – das will ich. Sekten, die andern vorschreiben, was sie denken sollen, ekeln mich.» In seiner WG am Usteriweg bietet er ein Zimmer an für Jugendliche, die nicht wissen, wohin sie gehen sollen. «Ihnen steht meine Tür, mein Herz, mein Kühlschrank offen.» Er wolle Leuten in Not eine Atempause geben, Gegenleistungen erwarte er keine. Oft bleibt er mit diesen Leuten längere Zeit in Kontakt, einige haben sich danach für den Cevi engagiert, Büroarbeit erledigt, Flyer verteilt, Gottesdienste mitorganisiert – ohne dass Nägelin es verlangt hätte.

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Das Wichtigste ist,die Blues-Gefühle zuzulassen ...über den Glauben der jungen Generation...